Ebla-Glossar

Die im 3. und 2. Jt. v. Chr. florierende altorientalische Stadt Ebla verbirgt sich unter dem ca. 55 km südwestlich von Aleppo gelegenen Tell Mardīḫ. Im Zuge der italienischen Ausgrabungen unter P. Matthiae wurden dort 1974/1975 die Archive eines frühbronzezeitlichen Königspalastes ("Palast G") entdeckt, in den folgenden Jahrzehnte kamen noch einzelne Textfunde dazu. Die Siedlungsphase, welcher die Archive angehören, fiel einem Brand zum Opfer, was zur Konservierung der Tontafeln beitrug. Die meisten lagen - mehr oder weniger stark fragmentiert - auf dem Fußboden unter den Regalen, in denen sie aufbewahrt wurden. Zahlreiche Fragmente konnten inzwischen zusammengefügt  werden, so dass sich der Umfang der Archive nun auf  ca 4000 Tafeln abschätzen läßt, die Größe der einzelnen Tafeln schwankt allerdings beträchtlich. Aufgrund schrift- und sprachgeschichtlicher Kriterien sowie inhaltlich-historischer Analysen lassen sich die Archive in das 24 Jh. v. Chr. datieren. Sie decken einen Zeitraum von etwas mehr als 50 Jahren ab, die letzten ca. 15 Jahre überlappen sich mit dem Beginn der Regierungszeit Sargons von Akkade. Inhaltlich handelt sich überwiegend um Wirtschaftstexte, daneben gibt es aber auch diplomatische, kultische, magische und "lexikalische" Texte, d.h. Zeichen- und Wortlisten. Unter letzteren finden sich die bislang ältesten Bilinguen, nämlich Wortlisten, in denen Logogramme sumerischen Ursprungs mit Ausspracheglossen und eblaitischer Übersetzung versehen sind. 

Die Sprache von Ebla ist eng mit dem in Mesopotamien gesprochenen Akkadisch verwandt, die genauere Klassifizierung - als akkadischer Dialekt oder als selbständiger Zweig des Ostsemitischen neben dem Akkadischen - ist umstritten. Eine aktuelle Zusammenfassung des Forschungsstandes zur Grammatik des Eblaitischen bietet Amalia Catagnoti, La Grammatica della Lingua di Ebla (= Quaderni di Semitictica 29), Firenze 2012.

Die Ebla-Texte sind mittlerweile großenteils ediert (manche sogar mehrfach), die weitaus meisten in den Publikationsreihen Materiali Epigrafici di Ebla (MEE) und Archivi Reali di Ebla (ARET). Die publizierten Texte werden in dem von L. Milano geleiteten Projekt Ebla Digital Archives (EbDA) digitalisiert und online präsentiert. Eine größere Anzahl von Ebla-Texten ist online auch in "cdli" zugänglich.

Es gibt bislang kein Lexikon, das den Wortschatz der Ebla-Archive vollständig erfasst und interpretiert. Die Bände der Reihen MEE und ARET sowie verschiedene kleinere Editionen enthalten Wortindizes. Ein von G. Pettinato und F. D'Agostino bzw. S. Seminara begonnener Thesaurus Inscriptionum Eblaicarum ist bis zum Band D gediehen (2005). Aufgrund seines Alters, seiner Besonderheiten und seiner Beziehungen zum mesopotamischen Akkadisch ist der Wortschatz der Ebla-Texte von elementarer Bedeutung für das Etymological Dictionary of Akkadian. Er wird daher im Rahmen eines Teilprojekts möglichst vollständig erfasst, nach orthographischen und linguistischen Kriterien geordnet und mit der Sekundärliteratur verknüpft. Die Ergebnisse sollen abschließend in Form einer online-Datenbank präsentiert werden.